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Timo Schattka im Interview mit Martin Heinen

08.03.2011 Topic: Producers

Trotz Netzpiraterie: Lokale Talente fördern

Der Aachener Musikproduzent Timo Schattka über die dramatische Veränderung der Musikindustrie

Man muss sich nur vorstellen, dass Millionen von Musikkonsumenten jeden Tag in einen Plattenladen/CD-Shop oder in einen der bekannten Elektronikmärkte einbrechen würden und alles rausklauen, was sie mitschleppen können.

Nichts anderes erfahren die Musikindustrie und ihre kreativen Köpfe durch den massenhaften, nicht geahndeten Diebstahl ihres geistigen Eigentums. Die digitale Revolution hat die Branche fundamental getroffen, teilweise befördert, grundsätzlich aber extrem geschädigt. Wohin entwickelt sich die Musik- und Popbranche, lokal und global? Darüber sprachen wir mit Timo Schattka (alias TIM SKY), Musikproduzent aus Aachen.

„Der Platten- oder Downloadverkauf ist heute nicht mehr der Sinn des Musikmachens“, fasst der Aachener Musikproduzenten Timo Schattka (30) die dramatische Veränderung seines Berufsstandes zusammen, die wie kaum eine andere von digitalem Massendiebstahl bedroht ist. Schattka, der seine Liebe zur Musik bereits sehr früh entdeckte und eine klassische Klavierausbildung absolvierte, machte sich mit 19 Jahren selbstständig. Dies vor allem auch mit dem idealistischen Ehrgeiz, die Karriere von jungen Künstlern und Bands mit seinem Spezialwissen anschieben zu können. Glaubt man der Statistik der International Federation of the Phonographic Industy (IFPI) leiden vor allem Newcomer-Bands unter der Netzpiraterie. Nur jedes fünfte Debütalbum schafft es weltweit noch in die TOP 50 und spielt zumindest die Kosten ein.

Auch für Schattka, der unter anderem für die Produktion des Aachener Bluesmusikers Dieter Kaspari („De Pau erav“) zuständig war, bedeutet dies, sein gesamtes Spektrum breiter aufzustellen.: „Es liegt mir immer noch am Herzen, junge Musiker und Bands zu unterstützen. Aber auch gerade in diesem Zusammenhang besteht die Erfolgschance fast nur noch darin, andere Formen der Wertschöpfung zu finden. Etwa im Bereich Werbeclips, Handy-Jingles, Videospiele, andere Lizenzierungen oder in Kooperation mit Internet Service Providern.“ Geld wird heute, wenn überhaupt noch, nur noch im Live-Bereich eingespielt. Einer der Bestverdiener 2010 war Bon Jovi. Kaum in den Charts vertreten, kaum Downloads, aber 30 Mio. Dollar Reingewinn durch die Welttournee. Nicht anders sieht es im DJ-Bereich aus. Zur Truppe um Schattka gehört u.a. auch der erfolgreiche Aachener Minimal-Techno-DJ Youssef. „Wenn wir neue Tracks von ihm auf den entsprechenden DJ-Portalen einstellen, dauert es manchmal nur Sekunden, bis sie irgendwo im Netz illegal freigestellt werden. Dann lässt sich damit kein Cent mehr verdienen.

Die Kosten können dann nur noch durch Live-Bookings eingespielt werden…“. Weltweit können zurzeit 13 Mio. Songs legal runtergeladen werden, mittlerweile sorgen 400 Digital Music-Portale für den Vertrieb. Umsatz: 4,6 Mrd. Dollar, jeder dritte Dollar wird mittlerweile mit Downloads verdient. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass in Europa in den nächsten drei Jahren weitere 1,2 Mio. Arbeitsplätze in der Musikbranche verlorengehen. Schattka: „Natürlich bietet das Netz auch neue Formen der Künstleretablierung, der Selbstvermarktung - und individuelle Chancen. Grundsätzlich wird aber ein ganzer Wirtschaftsbereich, gerade auch als gesellschaftlich bedeutsamer Kreativpool, zerstört. Als negativer Vorreiter etwa auch für die Zeitungsbranche, die Filmindustrie und den Buchhandel.“ Die IFPI-Organisation hofft dementsprechend auf schärfere EU-Gesetze, die 2011 am Beispiel Schwedens umgesetzt werden sollen. Und auf neue Chancen in der Zusammenarbeit mit Handy- und Internetprovidern. Aber auch hier droht eine neue Anhängigkeit: Apple (ITunes) z.B. kassiert im Durchschnitt rund 60 Prozent des Song-Preises. Die generelle Prognose: Der finanzielle Schaden der Musikbranche durch Netzpiraterie wird im Zeitraum 2008 bis 2015 weltweit bei 240 Mrd. Euro. liegen. Schattka abschließend: „Trotz dieser Probleme bleibt es wichtig, lokale Talente zu entdecken und zu fördern. Die Menschen sollten nur wissen, dass sie mit illegalen Downloads diesen Künstlern nicht nur wirtschaftlich, sondern erheblicher noch in ihrem Persönlichkeits-, Autoren- und Berufsethos schaden. “

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